Kleine Mädchen, große Jungs und der weise Alte

In meinem Kopf regieren zur Zeit drei verschiedene Gedankenstränge, die ein gemeinsames Grundthema haben. Es geht um Respekt. Respekt vor dem Menschen, Respekt vor der Arbeit, Respekt vor dem (fehlendem) Alter. Und es geht um Arroganz. Es geht um Annika Klose, um dich und um mich.

Ich bin wütend. Es herrscht eine Respektlosigkeit die wir einander entgegen bringen, die mich meist nur noch verwundert. Ich bin verwundert über den Mangel an Selbstreflexion, der – vor allem, aber nicht nur – in den Köpfen alter Männer herrscht, besonders in einer Zeit des Women’s March und #metoo. Wenn wir uns Fragen, warum Frauen täglich und ständig sexuellem Druck ausgeliefert sind, wenn wir dem Kern dieser gesellschaftlichen Debatte auf den Grund gehen, dann sehen wir doch, dass es das allgemeine herablassende Gehabe gegenüber (jungen) Frauen und Menschen ist, das sich in alle Bereiche des Lebens auswirkt.

Fangen wir nochmal an. Annika Klose hält auf dem Bundesparteitag der SPD eine kraftvolle Rede, die ihr tosenden verdienten Applaus einbringt. Der Chefredakteur der Welt am Sonntag bezeichnet sie darauf hin als aufgeregtes Mädchen, er findet das absurd, dass die Kleine es mehr Zustimmung erhält als der große Martin. Ihren Namen hat er darüber vergessen, dass sie eine weibliche zarte Stimme hat, die sich hin und wieder während ihrer Rede etwas überschlägt. Annika Klose ist 25, hat einen Bachelor-Abschluss in Sozialwissenschaften und ein laufendes Masterstudium. Seit 2015 ist sie Vorsitzende der Berliner Jusos. Annika Klose kontert im Telefoninterview mit der Berliner Zeitung souverän sie sei nicht verletzt aber verärgert und betont, dass das jetzt kein Fall von #metoo ist, denn sie weiß sicher genau, das Frauen viel schwerwiegender Leiden. Aber es ist dennoch ein gesellschaftliches Problem, das jungen Frauen nicht nur in der Politik nicht fremd ist. Es ist abgrundtief nervig, wenn jede intellektuelle Anstrengung ein Kampf gegen die Vorurteile und Herrenwitze von unreflektierten und erfolgsverwöhnten Waschlappen ist.

Eine Bekannte äußerte mir gegenüber neulich ihren Unmut, der bei der Arbeit entsteht, denn sie fühle sich wie in einem Jungs-Hobbyclub, allein unter männlichen Kollegen, denen sie immer Beifall für ihre großartigen Ideen klatschen muss. Das Gefühl kenne ich, wie viele Andere, nur zu gut. Viele Männer haben tolle Karrieretipps an mich, ohne meinen Hintergrund zu kennen. Gerne auch, wenn sie industriefremd sind, also noch nie intensiveren Kontakt mit der Medienbranche hatten, als sich abends das Dschungelcamp reinzusehen. Da ist vor allem immer von einem dicken Fell die Rede. Das ist gut und wichtig, denn wir Frauen haben bisher nie lernen müssen stark zu sein. Es ist wichtig, das ein Mann vorbeikommt und uns sagt wir müssten jetzt lernen alles wegzustecken und hart zu sein, denn auf dem steinigen Weg in die Branche haben wir nicht unzählige Erfahrungen gemacht, die uns aufgeklärt hätten. Wer sich beschwert, also jammert, der will nicht etwa auf Missstände aufmerksam machen, sondern ist wohl einfach nicht hart genug.

Am Freitag letzter Woche schreibt mich der „begabteste Nachwuchs-Journalist“ (Zitat) auf Facebook an. Er plane ein größeres Format über die Model-Szene und würde gerne ein Interview mit mir führen, er halte mich als „Hobby-Model“ für eine gute Kandidatin. Ich möchte gerne mehr über seinen geplanten Artikel wissen und stelle nebenbei klar, dass ich das keineswegs als Hobby bezeichnen würde, sondern eher als eine Möglichkeit für einen lukrativen Nebenverdienst, den ich nicht mal aktiv suche. Er stellt zunächst mehr Fragen und als ich wiederhole, ich möchte gerne mehr wissen wird er zickig. Dann schickt er mir ein paar Screenshots von seinen BILD-Artikeln, allesamt reißerische, eindimensionale Influencer-Headlines à la „Lena von Instagram hat eine Nase!“. Ich bin nicht besonders begeistert, erkläre aber, dass ich ihm gerne ein Interview gebe, wenn ich betonen darf, dass das Modeln keineswegs mein Leben füllt und es mich eigentlich unglaublich nervt, dass ich mehr Anfragen bekomme für tfp-shoots als künstlerische Kollaborationen. Er kann das nicht nachvollziehen und wird relativ frech. Es ist wie es ist, ich soll froh sein, dass man mich geil findet und nicht jammern, dass man mir nicht mal zuhören will, wenn ich meine eigentlichen Ziele und Ambitionen äußere. Gut, fick dich. Es ist Montag Vormittag.

Die letzten zwei Monate habe ich neben Job und Uni für einen etablierten Filmemacher und sein Projekt an einer etablierten Filmuniversität gearbeitet. Kostenlos. Dafür, versprach er hoch und heilig und insbesondere Mehrfach in Wort und Schrift, einen Unterrichtstag in meiner Uni zu halten. Als wir uns in die Planung begeben, möchte er plötzlich Geld. Ich bin irritiert, denn von Geld war nie für mich noch für ihn die Rede. Dafür habe ich für ihn wochenlang Drehvorbereitungen getroffen, unzählige ganztägige Termine wahrgenommen, Geld ausgelegt, bin mit Fieber und Bronchitis (auf sein Verlangen!) zum zweitägigen Dreh erschienen und habe mir einen Urlaubstag geworden. Ich bitte ihn, mir eine Verhandlungsgrundlage zu nennen, er schwafelt von seiner großzügigen Jugendförderung, dass es sich rumspräche wenn er das kostenlos mache und erklärt mir dann, dass er sich nicht wohl fühle uns ein Angebot zu machen. „Also bitte den Plan abbrechen“ schreibt er und gibt mir dann abschließend noch einige Arbeitsaufträge. Ich denke mir „Ja, sowas spricht sich rum“ und denke darüber nach, wie gewohnt er mir gegenüber den Befehlston benutzt, während er gerade noch verkündete, die abgesprochene Gegenleistung nicht zu erbringen. Man kann es ihm wohl nicht verübeln, er macht das anscheinend seit einem halben Jahrhundert so.

Es geht um Respekt. Um Respekt vor dem Menschen, um Respekt vor der Arbeit. Wie soll ich diese Menschen und ihre Erfahrungen respektieren, wenn mir nur Missachtung entgegenschlägt? Und wieso sollte ich das tun? Das wüsste ich gerne – bis mir etwas dazu einfällt, bin ich erstmal rotzewütend, wie ein kleines Kind. So, wie man mich eben behandelt.

Autor: Laura Tufano

Berliner Göre mit Berliner Töle. Filmemacherin, Autorin und Schauspielerin.

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