Eine Antwort auf die Diskussionseinladung von taz.meinland

Die taz.meinland-Redaktion hat einen Leserinnenbrief erhalten, den sie gerne zu Diskussion stellen würde. Hier vorab der Link: http://blogs.taz.de/meinland/2017/02/14/leserinnenbrief-nicht-ohne-ruecksichtnahme/

Also, die Leserin möchte klarstellen, dass sie durch die gemeinnützige Arbeit, die sie in der Vergangenheit geleistet hat, keinesfalls rechte Gedanken haben kann. Das kann man so erstmal nicht annehmen. Genauso wie man früher der rechten Szenen angehören konnte und sich heute bei Aussteiger-Organisationen engagieren kann, kann man auch früher bei Amnesty International gewesen sein und heute rechtes Gedankengut unterstützen. Aber das nur vorweg.

Sie sagt, dass Deutschland im heutigen Zustand nicht mehr ihr Land sei. Mich interessiert, wie sie das meint. Meint sie soziale Ungerechtigkeit oder bezieht sie sich auf einen etwaigen Kulturumbau? Das macht viel aus. Leider ist der Brief gekürzt, darum ist es nicht möglich einzuschätzen ob sie hier weitere Details geliefert hat oder nicht. In jedem Fall ist es eine hoch emotionale Aussage, die sich ihre spezifische Lebenssituation bezieht und es ist schade, dass sie sich so fühlt. Ich gehe mal vom Besten aus und nehme an sie meint eine soziale Ungerechtigkeit. Dafür spricht auch, dass sie sich später im Brief darüber beschwert.

Die „unkontrolliert Grenzöffnung“ sei ein Gesetzesbruch, sagt sie. Es gab keine unkontrollierte Grenzöffnung. Das würde bedeuten, dass heute jeder, egal ob Bosnier, Chinese oder Syrer komplett unbürokratisch und ohne freiheitliche Begrenzungen einreisen könnte. Das ist aber nicht so. Es gab eine Grenzöffnung spezifisch für syrische Flüchtlinge, Menschen die zur Zeit ganz absonderlich leiden. Ein chaotisches Treppenhaus (überspitzte Annahme ihres Leids) ist leider nicht ansatzweise mit einem von Bomben verschütteten Kleinkind zu vergleichen.

Sie sagt selbst, dass für die Situation des „kleinen Mannes“ nicht die Flüchtlinge verantwortlich sind, scheint aber im nächsten Moment die Lösung des Problems in einem Weniger an Flüchtlingen zu sehen. Der kleine Mann badet die Situation nicht aus, dem kleinen Mann geht es nicht besonders gut (schlecht, schlecht kann man nur sagen, wenn man noch nie gesehen hat wie es armen Menschen in weniger privilegierten Ländern der Welt geht) – völlig egal ob nun Flüchtlinge da sind oder nicht. Der kleine Mann durfte vor den Flüchtlingen auch nicht kostenlos Bahn fahren. Sie sagt selbst, dass hier Notleidende gegeneinander ausgespielt werden, verfehlt aber daraus die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Ja, hier geht es vielen Menschen nicht gut, ja, es gibt schwere Probleme, die Menschen bisweilen extrem perspektivlos machen. Aber man muss doch verstehen, dass das auch vor drei Jahren schon so war. Wer spielt die Menschen gegeneinander aus? Der Staat? Der hat diese verquere Idee, dass die armen für die noch ärmeren zahlen nicht in die Welt gesetzt. Das war die AfD und das war dieser unschöne menschliche Komplex unbedingt nach unten treten zu wollen. Endlich, etwas unter uns auf das wir treten können. Früher haben Rechte Obdachlose angezündet, heute demonstrieren Rechte plötzlich angeblich für Obdachlose.

„Deren Kultur ist eine völlig andere“. Ja, und? Früher, als die Italiener kamen, hat man auch gesagt die könne man unmöglich integrieren. Heute stopft sich jeder mit Pizza und Co. voll und denkt nicht mal daran Italiener rassistisch zu beleidigen, wäre auch albern, während der Mund so voll ist. Was ist der große deutsche Wert, den diese Frau verloren sieht? In ihrem Haus wohnt auch eine Familie, das seien zu viele. Das halte ich für unmöglich, es sei denn die Frau wohnt in einem Einfamilienhaus.

Liebe taz-Leserin-der-ersten-Stunde, Sie scheinen kein durchweg schlechter Mensch zu sein und es sind doch auch Ansätze da, die zeigen dass Sie verstehen, dass die Ungerechtigkeit in Ihrem und meinem Land nicht von den Flüchtlingen verursacht wurde, sondern von jenen wenigen Menschen ausgeht, die am allermeisten haben. Ich unterstelle Ihnen beste Charakterzüge und behaupte einfach mal, dass Sie erst vor kurzem auf die Ungerechtigkeit aufmerksam geworden sind. Ich reiche Ihnen und allen Anderen, die zur Zeit nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen die Hand und möchte nur, dass Sie sich nicht von Neid auf Bahntickets und Sozialwohnungen zerfressen lassen, sondern dass Sie mit mir gegen Ungerechtigkeit und gegen jene, die am meisten davon haben (…Sie wissen schon – nicht die Flüchtlinge!) kämpfen, damit es uns allen besser geht. Lassen Sie uns zusammen dem Gutmenschentum frönen und fühlen Sie sich nicht allein, damit Sie nicht hassen müssen, sondern sich erinnern, dass Sie sich früher auch für Menschlichkeit und Zusammenhalt eingesetzt haben.

Grüße aus dem Erdgeschoss, Hinterhaus, Ofenheizung, 34 qm

-Eine taz-Leserin seit dem sechsten Lebensjahr mit Mindestlohn-Minijob.

 

 

 

Autor: Laura Tufano

Berliner Göre mit Berliner Töle. Filmemacherin, Autorin und Schauspielerin.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s