Alle verrückt, außer mir?

Das ist doch so, oder? Echochambers sind anscheinend neuerdings daran Schuld, dass alle verrückt sind, außer man selbst.

Kann sein. Standardmäßig bekommen wir heutzutage im Internet zurückgeschallt was wir sowieso schon denken. Aber die Frage ist dann doch, ob das früher so viel anders war oder ob die persönliche Echochamber eben der neuste Dorfklatsch oder 15 Minuten Tagesschau waren.

Vielleicht liegt es doch an einer kränklichen Diskussionskultur. Wer eine andere Wahrnehmung der Realität hat als wir, der ist doch verrückt. Paradebeispiel und vielleicht auch Triebwerk ist Twitter, wenn Amerikaner schreien in Europa herrschen doch Kriegszustand und Merkel würde das weiße Volk abschlachten, dann kann man leider nur mit 140 Zeichen antworten und da solche Aussagen so abgrundtief falsch und uninformiert sind muss man sich entscheiden, ob man nun einen Tweetstorm loslässt und Wort für Wort auseinander nimmt wieso das falsch ist und versucht herauszufinden woher dieser Glauben kommt, oder ob man es lieber sein und den Verrückten verrückt lässt. Einfacherer ist das Zweite und damit endet dann jedes Gespräch.

Problematischer Weise endet jede Diskussion, sobald man sich nur noch darauf einstellt, dass das Gegenüber verrückt ist, denn erstens ist mit verrückten diskutieren ja so ergiebig wie die Diskussion mit einem Kleinkind und zweitens ist es auch ein Totschlagargument, auf welches der Andere wahrscheinlich mit „Selber!!!“ antwortet. Tatsächlich muss man sich anhalten, häufiger mal nachzufragen warum jemand dieses oder jenes glaubt und dabei ein bisschen Raum lassen für die Annahme, dass man eventuell selbst in einer enger als gedachten Glaubenswelt gefangen ist. Dabei entstehen häufig ekel- bis schmerzhafte Gespräche – und am Ende fängt man vielleicht doch an sich zu beleidigen – aber es hilft dabei ein bisschen weniger selbstsicher und unreflektiert mit dem eigenen Weltbild umzugehen und manchmal kommt es sogar vor, dass der selbe positive Effekt bei dem Anderen eintritt.

Werkzeug dafür sind einfach Fragen. Warum denkst du das? Warum sagst du das? Was meinst du genau? Fragen haben zwei Vorteile gegenüber Fakten: Sie haben nicht den gleichen „aggressiven“ Unterton direkt diskreditieren zu wollen was Menschen ganz zeitgeistlich postfaktisch (Note: postfaktisch, sind wie früher die Hipster, immer nur die Anderen, oder?) glauben und bieten damit eher die Möglichkeit ein Gespräch zu führen und vielleicht die andere Person von der eigenen Position zu überzeugen. Andererseits sind sie still entwaffnend. Wer nur emotional hetzen will, hat auf Nachfragen keine Antworten – dann kann man das Gespräch so stehen lassen und für die Allgemeinheit sind die Beweggründe relativ offensichtlich.

Das kann man eigentlich immer so machen. Im Internet, mit dem Partner, mit echten Menschen auf der echten Straße, die einem mit wirrem Zeug das Ohr abkauen. Es geht nicht immer, weil man selbst auch ein emotionales Wesen ist – ich kann und will zum Beispiel nicht mit Nazis diskutieren, weil ich deren Ideen widerlich finde und das Gespräch nicht rational führen könnte, aber wenn jemand anders in der Hinsicht ein dickeres Fell hat, kann er es gerne probieren.

Im Wesentlichen gibt es zwei Eckpunkte: Fragen sind die bessere Antwort als Fakten und wer den Wahnsinn ausruft hat verloren, denn dann ist jeder Diskurs vorbei.

 

Autor: Laura Tufano

Berliner Göre mit Berliner Töle. Filmemacherin, Autorin und Schauspielerin.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s