Was bist du?

Antworten auf eine längst obsolete Frage.

Es ist die Zeit des Brexit, des mauernden, zerfallenden Europas und der lächerlich willkürlichen Einreiseverbote. Die Zeit in der „Menschen“ versuchen unsere Geschichte vergessen zu machen, damit wir bloß nicht sehen, was sich gerade wiederholt.

Nach Jahrzehnten der fortschreitenden, mittlerweile normalisierten, Globalisierung schreien mehr oder weniger plötzlich graue (respektive orangefarbene) Männer nach einer Rückkehr zur nationalen Denkweise. Das ist verrückt. Nicht nur, weil es eine durch und durch destruktive und gestrige Idee ist, sondern auch weil man versucht umzukehren, was sich längst nicht mehr umkehren lässt.

Viele von uns haben doch gar keine exakt definierte kulturelle Identität mehr. Schon in der Grundschule fragen die Kinder sich erstmal gründlich aus, welchen ethnisch-religiösen Hintergrund welches Kind hat – aber nicht weil sechsjährige etwa schon xenophobisch sind, sondern weil sie eben schon aus dem Kindergarten wissen, dass alle irgendwie anders zusammengebastelt sind und das spannend ist.

Wir können uns in der Mehrheit nicht mehr einfach auf Basis von Nationalitäten oder Religionen definieren. Und die Mehrheit von uns „Mischmenschen“ reagiert verwirrt auf die Frage, wohin wir gehören. Wie ist kulturelle Identität denn definiert? Ich bin auf meinem Pass Deutsche und bin Deutschland geboren sowie zum größten Teil aufgewachsen. Ich bin also Deutsche? Ich bin aber auch irgendwie Italienerin, weil die Hälfte meiner Familie aus Italienern besteht und ich damit ja doch auch kulturell geprägt bin. Man kann die Definition auch weiter fassen und sagen – du bist der Kultur zugehörig in der du lebst. In diesem Sinne wäre ich dann viele Jahre Deutsche mit Migrationshintergrund, ein Jahr lang Österreicherin  und ein Jahr lang Chinesin gewesen, was aber auch absurd ist, denn das hat mit meiner Identität ja nichts mehr zu tun.

So viele Menschen der neuen Generation von Erwachsenen hat so viel Zeit überall auf der Welt verbracht, wir studieren mit einer Selbstverständlichkeit im Ausland, wir haben Eltern die aus allen Teilen der Welt kommen und Großeltern die auch schon von überall emigriert sind. Wir sehen anders aus als der Stereotyp einer Nationalität es vorsieht, unsere Pässe sind nicht Repräsentative unserer persönlichen Kulturidentität und wir stehen im Kontakt mit der ganzen Welt.

Um die Frage nach dem „Was bist du?“ zu beantworten, sagen ich und viele in meinem Umkreis meist dann doch einfach nur „Europäer“. Wir sind in einer globalisierten Welt aufgewachsen und haben unsere Denkweisen angepasst. Europagegner, ihr wisst schon, die alten Grauen (grau, wie bei Momo, nicht grau wie die Haare, obgleich da oft ein Zusammenhang besteht) Menschen, wollen uns das auf einmal wegnehmen – in Großbritannien wird einer ganzen Generation ein selbstverständliches Gefühl der (Reise)Freiheit entrissen und man versucht uns ein Selbstbild aufzuzwingen, dass mit unserem persönlichen Leben überhaupt nichts mehr zu tun hat. In den USA erhängt ein Mensch mit einem urzeitlichem Weltbild Einreiseverbote für Menschen, die letztendlich auf der ganzen Welt leben.

Das ergibt doch keinen Sinn mehr. Wir sprechen zwei, drei oder sogar vier Sprachen und wurden ausgebildet um auf einem internationalen Arbeitsmarkt zu bestehen. Die Welt ist nicht mehr von hier bis zum Bäcker und vielleicht noch einmal im Jahr an die Ostsee.

Die Hoffnung ist, dass das neue aufkommen der internationalen Nationalisten (das Paradoxon des Jahrzehnts) ein letztes Aufbäumen einer längst obsoleten Denkweise ist, bevor sie gänzlich ausstirbt.

Wir sind alle gleich, weil wir alle anders sind. Wir können alle zusammenstehen, weil wir Menschen sind und nicht Stammeskrieger. Wir haben doch keine Angst, vor jemandem der anders ist, weil wir doch auch anders als alle anderen sind, richtig?

Ich habe aufgegeben Angst vor der Weltübernahme durch die ewig gestrigen Redner zu haben, weil mein Glaube an die Diversität und dadurch endlose kulturelle Freiheit der Weltkultur sich einfach nicht erschüttern lässt. Wir müssen uns nur die Hand reichen, denn wir, die die nicht einfach nur eine alte Schublade sind, sind in der überwältigenden Mehrheit. Brexit ist unser Problem. Trump ist unser Problem. Syrien ist unser Problem. Israel und Palästina sind unser Problem.*

Alles ist unser Problem, weil unser Leben gerade erst begonnen hat, also lasst uns daran arbeiten die Probleme zu lösen.

 

*Jetzt bitte kein Whataboutism. Es gibt noch viel, viel mehr Problemherde in der Welt und ich habe nicht absichtlich irgendeines herausgelassen, aber dieser Artikel wird zu lang, wenn ich 900 verschiedene Weltschmerzen aufzähle.

Autor: Laura Tufano

Berliner Göre mit Berliner Töle. Filmemacherin, Autorin und Schauspielerin.

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